Men’s Health Eissauna-Bericht bei youthconnection

Men's Health Eissauna

SCHOCKGEFROSTET – Dagegen herrscht im Gefrierschrank Urlaubswetter: In eine EISSAUNA strömt bis zu -180 Grad kaltes Gas. Der angebliche Effekt: weniger Stress. Ob‘s wirklich wirkt?

Schon lange bin ich nicht mehr so fit gewesen. Voll motiviert laufe ich in Hannover durch den Hauptbahnhof, die Treppen zum Bahnsteig nehme ich im Sprinttempo. Kennen Sie dieses Kribbeln, das Sie überkommt, wenn der Trainings-Booster wirkt? Genau das ist es, was ich gerade spüre. Vor allem meine Arme und Beine fühlen sich so an, als seien sie unter Strom. Energiegeladen springe ich in den Zug zurück nach Hamburg. Während der Fahrt arbeite ich am Laptop – so konzentriert wie selten. Was ist bloß los? Eigentlich bin ich ja nach Hannover gefahren, um was auszuprobieren, dass sich nach Folter anhört, aber entspannen soll. Heilpraktiker Simon Duckstein betreibt dort nämlich eine Eissauna (www.youthconnection.de). „Kryotherapie bietet etliche positive Wirkungen“, schwärmt er. „Sie senkt Stress, fördert die Regeneration, verbessert das Hautbild, verbrennt Kalorien, belebt den Geist, optimiert den Schlaf, stärkt das Immunsystem, lindert Schmerz, kurbelt die Wundheilung an und erhöht die Lebensdauer der Zellen.” Klingt wie ein Wundermittel. Anschließend relativiert Duckstein das aber gleich und erklärt, dass extreme Kälte lediglich individuelle Defizite wieder in den Normbereich bringen kann. Immerhin, sage ich.

KÜNSTLICHE KÄLTE-KABINE

Mein erster Gang hat mich eiskalt überrascht, allerdings sehr positiv. Als ich im Saunasalon ankomme, wirft mir Kälteschocker Duckstein ein Paar Pantoffeln rüber: „Wir fangen mal locker mit minus 160 Grad an.” Das soll locker sein? Egal, in der Umkleide ziehe ich mich bis auf Boxershorts und Socken aus und schlüpfe in die Filzlatschen – besser ist das, denn die Extremitäten kühlen stets zuerst aus. Als ich die Kabine verlasse, stehe ich auch schon vor der nächsten. Die Eissauna sieht aus wie eine Duschkammer aus Plastikpolstern. Daneben steht kein Wassertank, sondern ein riesiger Stickstoffbehälter. Ein wenig skeptisch steige ich in die Kabine, die Duckstein hinter mir schließt. „Wenn es losgeht, am besten locker auf der Stelle marschieren. Wird es zu kalt, heben Sie die Arme und legen die Hände auf den Rand der Kabinenwand ab.” Von wegen kühler Kopf! Auch der bleibt die ganze Zeit über Kabinenhöhe. Puh, Glück gehabt! Während mir Duckstein noch erzählt, dass selbst Cristiano Ronaldo und Franck Ribéry die Methode nutzen, startet der Regenerations-Booster auch schon – gut, denn so habe ich keine Zeit mehr, es mir doch noch mal anders zu überlegen. Die Kabine füllt sich mit Stickstoff. Ich bade im Nebel und komme mir vor wie im Science-Fiction-Klassiker Demolition Man, wo sich Sylvester Stallone und Wesley Snipes in einen jahrzehntelangen Kälteschlaf versetzen lassen. Auch mir wird langsam kalt, aber es geht noch. Nach 30 Sekunden macht der Stickstoff ernst. Ich beiße auf die Zähne, marschiere wie ein Soldat. Schließlich hebe ich nach 100 Sekunden meine Hände aus dem eisigen Stickstoff-Luft-Gemisch. „Die Hälfte ist schon geschafft“, muntert mich Duckstein auf. Jetzt auszusteigen wäre echt peinlich. Also spüre ich die Kälte noch mal ganz bewusst und merke, wie trocken der Nebel ist. Ein Sprung ins Eisbad nach der Sauna schockt heftiger. Während ich gedanklich noch vergleiche, deutet Iceman Duckstein auf die Zeitanzeige: 3, 2, 1 – geschafft! Beim Verlassen der Kabine wärmt sich die Haut recht schnell wieder auf. Nach dem Anziehen fühle ich mich extrem frisch. Duckstein rät, am besten sofort zu trainieren, denn jetzt könne ich mit besseren Leistungen rechnen. Das kann ich nachvollziehen – spätestens bei meinen spontanen Bahnhof-Sprints.

BRACHIALER BLUT-BOOSTER

Laut Duckstein zufolge erreicht man eine spürbare Entspannungswirkung nach erst 5 Eissaunagängen innerhalb von 7 Tagen. Ich fahre also ein zweites Mal nach Hannover. Nach dem überraschenden Boost am Bahnhof möchte ich diesmal mehr über die Funktionsweise der Kryotherapie wissen. Der Experte: „Die extreme Kälte kühlt das Gewebe radikal auf den Gefrierpunkt herunter. Das simuliert dem Gehirn eine lebensbedrohliche Gefahr, woraufhin es Regulationsprozesse einleitet und das Blut mit Hormonen, Enzymen und Sauerstoff anreichert.“ Nach Verlassen der Kältekabine erweitern sich die Blutgefäße im Nu, so dass das Blut rasch zurück in Arme und Beine strömt und so das Muskelgewebe in stärkerem Maße mit Sauerstoff versorgt. Dadurch regenerieren Athleten nach ihrem Training schneller. Dieser Effekt nennt sich Postcooling. Das sogenannte Precooling, also die Anwendung vor dem Workout, kann dank erhöhter Sauerstoffsättigung die Leistungsfähigkeit steigern. Außerdem setzt der Körper Endorphine – „Glückshormone“ frei. Den Hormonschub spüre ich auch nach meinem zweiten Gang in die Kältekabine. Ein geniales Gefühl, an das ich mich gewöhnen kann.

TEURER TROCKENKÄLTE-TANK

Bei meinem dritten Gang bietet Duckstein mir sogar eine Eissauna zum Verkauf an, Kostenpunkt: schlappe 30.000 Euro. Ich winke ab, vielleicht ein anderes Mal. Reizvoll wäre eine eigene Kryokabine ganz sicher. Vor dem Kauf würde ich die genannten Effekte jedoch wissenschaftlich absichern lassen, sage ich. „Das sind sie bereits“, so Dr. Nina Duckstein, Ärztin und Schwester des Betreibers. „Die aktuelle Studienlage bestätigt vor allem die antioxidative und somit stressreduzierende Wirkung auf den Organismus.“ Okay, trotzdem fehlt mir nur noch das nötige Kleingeld. Ich besuche also vorerst weiter Kryokabinen in fremder Hand. Da komme ich mit 50 Euro pro Gang doch noch um einiges günstiger weg.


DAS GEWEBE KÜHLT RASCH AUF DEN GEFRIERPUNKT AB, ALSO DENKT IHR HIRN, DASS SIE STERBEN. FOLGE: MEHR HORMONE, ENZYME UND SAUERSTOFF IM BLUT – SIE REGENERIEREN SCHNELLER

ANSTEIGENDE ARKTIS-AFFEKTION

Behandlung Nummer 4 und 5 steigern meine ohnehin vorhandene Begeisterung für diese Methode. Beim finalen Saunagang verharre ich sogar noch 30 Sekunden länger in der Kälte, um den Effekt voll auszukosten, auch wenn nach Ablauf der geplanten Zeit kein frischer Stickstoff mehr hineinläuft. Egal das Ganze hat eindeutig Suchtpotenzial! Wenn nur die anderthalbstündige Anreise nach Hannover nicht wäre. In Hamburg gibt es bislang noch kein entsprechendes Angebot. „Die Methode breitet sich rasant aus, insbesondere im Profi-Sport“, sagt Simon Duckstein. „Schon bei den letzten olympischen Spielen haben diverse Athleten sie genutzt. Bei der letzten Tour de France haben wir ein Team mit einer mobilen Eissauna im Bus ausgestattet.“ Auch die Profi-Kicker von Bayer Leverkusen setzen seit einigen Jahren auf den regenerationsfördernden Effekt. Das werde ich zünftig auch. Von dem Boost unmittelbar nach der Eissauna einmal abgesehen, fühlte ich mich auch die gesamte Woche über leistungsfähiger. Ob ich im Anschluss an so eine Sitzung tatsächlich mehr Leistung zeige, bleibt auszutesten. Falls Ihnen im Studio also mal ein Typ begegnet, der wie aufgezogen von Hantel zu Hantel sprintet, könnte ich das sein. Nach der Einheit hätte ich gleich Zeit zu plaudern, denn mein Cool-down ist schon längst erledigt – vorher.


TEXT: NICO REIHER, erschienen in der Ausgabe April 2016; Men’s Health Eissauna

Men’s Health Eissauna, April Cover, Kryosauna, Kältekammer

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